Cosi fan tutte
W. A. Mozart
 

Viel gescholten wurde die „Cosi„ ob ihres angeblich schlüpfrigen Textes. Das ist natürlich ein Mißverständnis; gescholten wird die „Cosi„ nur für ihren gnadenlosen Realsimus, um dessentwegen sich das Publikum nur selten in das Opernhaus aufmacht und um so vergrätzter reagiert, wenn er denn mal im Musiktheater aufblitzt.

Denn wer will bestreiten, daß da Pontes Libretto Wort für Wort von menschlichster Wahrheit ist? Und wer hat es nicht schon am eigenen Leibe erfahren, daß man eines schönen Abends bei einem guten Glas Wein in zwei fremde Augen fällt und das ganze wirkliche Leben inclusive angeheiratetem Partner plötzlich in einem Paralelluniversum verschwindet? So ist der Mensch eben. Wir mögen bloß nicht gerne daran erinnert werden.

So war denn auch der Ansatz dieser Inszenierung in keinster Weise der Versuch, angebliche Unwahrscheinlichkeiten des Librettos zu glätten. Das Libretto ist leider nur zu wahrscheinlich. Wir haben lieber die Frage gestellt, ob es zulässig ist, ein solches Experiment am lebenden Menschen auszuführen. Claudia Doderer hat dafür eine sehr schönes, aber nichtsdestotrotz menschenverachtend barockes Experimentierlabor gebaut, und der eigentliche Verlierer des Abends ist Don Alfonso. Seine Wette hat er zwar gewonnen, aber was nützen gewonnene Wetten, wenn man keinen hat, der einen liebt?

Der einzige Vorwurf, den man da Ponte machen könnte, nämlich den der Frauenfeindlichkeit, hat uns acht Jahre später zu einer Neuköllner Fassung inspiriert, die die Geschlechterfrage schlicht und einfach ignoriert. „Cosi fan tutte„ mit sechs Männern. Aber auch da behält Ponte leider recht: Es machen wirklich ALLE so.

mit: Brigitte Wohlfahrt, Michelle Breedt, Ina Stachelhaus, Peter Bording, Jörg Dürmüller, Renatus Mésazar

Das Wasser spritzt, das Publikum lacht, und man weiß - Peter Lund wird auch dieser Mozart-Oper den gepflegten Rokoko-Zopf abschneiden. Und das tut er gründlich. Aber mit Witz, Humor und Charme in einem weitgehend abstrakt gehaltenen Bühnenbild von Claudia Doderer, in dessen ständig wechselndem Licht- und Farbspiel sich dennoch die milde, sonnengetränkte Luft des Golfes von Neapel zu spiegeln scheint. „
Braunschweiger Zeitung

 
 
 

 

 

R: Peter Lund
ML: Fabrizio Ventura
BB+BK: Claudia Doderer

Premiere
3. Februar 1996
Staatstheater Braunschweig