Hortense
Schneider will nicht aufstehen. Muß sie zum Glück
auch nicht. Die gefeierte Disseuse und Offenbachs erklärte
Muse und Heldin seiner größten Erfolge wie „Die
Schöne Helena“ und „Die Großherzogin
von Gerolstein“ hat es nicht nötig, sich zu bewegen.
Madame empfängt während der Pariser Weltausstellung
sage und schreibe 48 gekrönte Häupter Europas in
ihrer Garderobe. Da darf man mit Fug und Recht ein bißchen
müde sein.
Das hindert Hortense aber nicht, ein wenig mit dem Publikum
zu plaudern. Und wer es von der Gänsemagd in der Provence
zur französischen Theatergöttin und damit direkt
in die Herzen der Pariser geschafft hat, hat so Einiges zu
erzählen. Und weiß Gott nicht nur Theaterklatsch.
Eine der schillerndsten und, wenn man Zeitzeugen glauben
darf, intelligentesten Schauspielerinnen des 19. Jahrhunderts öffnet
für anderthalb Stunden ihr Nähkästchen, gibt
einige deutliche Lektionen in Sachen gesunden politischen
Menschenverstandes, singt aus gegebenem Anlaß ihre
schönsten Arien und erklärt, warum sie mit Offenbach
nie im Bett war. „Jacques brauchte für eine Arie
fünf Minuten. Einmal Beischlaf dauert fünfzehn
Minuten. Das wären drei Stücke unsterblicher Musik,
die ich der Welt vorenthalten hätte. Wer kann mit so
einer Schuld leben? Also - Ich nicht!“
mit: Sabine Schwarzlose |